DER REISEBERICHT – JETZT NOCH MAL MITERLEBEN:
Eine ziemlich schlechte Idee für einen ziemlich guten Zweck
60 Tage bis Nouakchott – Zu Fuß von Marrakech über das Atlas Gebirge und durch die Sahara:
Der No Mercy Trek von Sascha Stöckl und Michael Loewnich.
Eine ziemlich schlechte Idee für einen ziemlich guten Zweck
Es gibt Reisen, bei denen man sich schon bei der Planung fragen muss, ob irgendwann der Punkt überschritten wurde, an dem aus einer ambitionierten Idee eine ziemlich schlechte geworden ist.
2.250 Kilometer zu Fuß gehören vermutlich dazu.
Von Marrakesch in Marokko sollte es bis nach Nouakchott gehen, der Hauptstadt Mauretaniens. Dazwischen lagen das Atlasgebirge, die Atlantikküste, die Westsahara und sehr viel von dem, was auf einer Landkarte einfach nur beige aussieht.
Sascha Stöckl und Michael Loewnich gaben sich dafür 60 Tage Zeit. Rechnerisch waren das 37,5 Kilometer am Tag. Jeden Tag. Dazu rund 8.000 Höhenmeter und ein Tagesbudget von 2,50 Euro pro Person. Kein Begleitfahrzeug, das Wasser, Essen oder Gepäck transportierte. Was sie brauchten, kam in Fahrradanhänger und wurde hinterhergezogen.
Zelt. Schlafsack. Kleidung. Wasser. Kameraausrüstung. Ein bisschen Essen.
Viel mehr ging ohnehin nicht hinein.
Sponsoren:
legendstrackingund
tractive
stellten euch die GPS Ortung zur Verfügung. peppex sportswear stellte uns Bekleidung zur Verfügung.
Wir danken den Sponsoren uns die Sachen zur Verfügung zu stellen.
Die Reisekosten, Verpflegung, Visum usw. wurden von Michael und Sascha zu Gunsten für das Projekt selbst getragen.
Spenden gehen 1 zu 1 direkt in das Frauenhaus Projekt.
Du willst mehr über das Frauenhaus erfahren?
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Der Name des Treks war bewusst gewählt. No Mercy. Keine Gnade.
Weil die Wüste keine Gnade kennt, wie sie vor dem Start erklärten. Und weil die Frauen, für die sie unterwegs waren, Dinge erlebt hatten, gegen die sechzig Tage körperliche Anstrengung am Ende doch nur eine selbst gewählte Belastung waren.
PRESSEBERICHTE:
***WDR***
TV INTERVIEW
no MERCY trek
DANK EUCH bauen wir jetzt ein Frauenhaus. Der Weg wird allerdings noch lang sein, denn noch stehen wir ganz am Anfang
Auch in den kommenden Jahren brauchen wir weiterhin Unterstützung. Diese Wanderung war der Grundstein. Ein wichtiger Schritt von vielen die noch kommen werden.
Wir würden uns freuen, wenn Ihr uns auf dieser Reise weiter begleitet.!
In 60 Tagen über das Atlas Gebirge und durch die Sahara.
Der Rückflug war bereits gebucht, was der Sache eine gewisse Verbindlichkeit verlieh. Man konnte also nicht irgendwann gemütlich feststellen, dass die Sahara doch größer war als gedacht und man den Rest eben im nächsten Frühjahr erledigen würde.
Die Idee hinter dieser Wanderung war allerdings ernster als die selbst auferlegten Regeln.
Michael war Mitbegründer von Teamwork Africa Deutschland und kannte Liberia von mehreren Reisen. Dort hatte er Mädchen und junge Frauen kennengelernt, die Gewalt und sexuellen Missbrauch erlebt hatten und danach oft nicht nur mit den Folgen der Taten allein gelassen, sondern teilweise sogar von ihren Familien ausgegrenzt wurden.
Mit dem No Mercy Trek wollten Michael und Sascha Aufmerksamkeit und Geld für das „Mercy House“ sammeln, ein Schutzhaus in Liberia, in dem betroffene Mädchen und Frauen nicht nur eine sichere Unterkunft, sondern auch Unterstützung bei Schule, Ausbildung, Kinderbetreuung und Traumabewältigung bekommen sollen.
Diese Reise hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen:
HILFSBEREITSCHAFT!
Die Hilfe unterwegs von fremden Menschen. Welche Selbstlos, Wasser, Essen und Unterkunft teilten, ohne eine Gegenleistungzu erwarten. Es ist absolut faszinierend wie Hilfsbereit die Menschen unterwegs waren, ohne diese Hilfe wäre
die Strecke auch für Sascha in der Zeit nichtzu schaffen gewesen.
An dieser Stelle muss man (auch wenn dies diese Menschen nicht erreichen wird) diesen Wohltätern unbekannterweise DANKEN. Ihr seid die kleinen und großen Helden in den Nebenrollen dieser Geschichte.
Aber auch den Menschen in Deutschland, welche die Tour aufmerksam verfolgt haben und fleißig für das Projekt gespendet haben müssen wir
EINEN GANZ GROSSEN DANK SCHENKEN.
Ohne euch wäre es jetzt nicht möglich mit dem Bau des Frauenhauses anzufangen.
DANKE AN ALLE UNTERSTÜTZER
Die Challenge:
• 60 Tage unterwegs
• 37,5 km pro Tag im Durchschnitt
• 2,50 € pro Person pro Tag
• rund 2.250 km Gesamtstrecke
• Regel Nr. 1: Jeder Meter muss zu Fuß geschafft werden – oder es gibt eine Strafe!
Weil die Wüste keine Gnade kennt, wie sie vor dem Start erklärten. Und weil die Frauen, für die sie unterwegs waren, Dinge erlebt hatten, gegen die sechzig Tage körperliche Anstrengung am Ende doch nur eine selbst gewählte Belastung waren.
Michael kannte die Sahara bereits. Allerdings aus einem Auto. Auf einer früheren Fahrt nach Liberia hatte ihn die Wüste nicht mehr losgelassen. Die Stille, die Weite, nachts Millionen Sterne und dieses eigenartige Gefühl, dass dort draußen plötzlich vieles unwichtig wird, womit man sich zu Hause zuverlässig den ganzen Tag beschäftigen kann. Irgendwann entstand der Wunsch, diese Landschaft zu Fuß zu durchqueren. Sascha musste man für solche Ideen offenbar nicht besonders lange überreden. Die beiden kannten sich seit 2016, als sie sich bei einem 24-Stunden-Mountainbike-Rennen in Duisburg kennengelernt hatten. Sascha war zu diesem Zeitpunkt längst jemand, der ein etwas anderes Verhältnis zu Entfernung hatte als der Durchschnitt. Tausende Kilometer mit dem Fahrrad, lange Reisen, Nächte irgendwo draußen und die Fähigkeit, einen Schlafplatz dort zu erkennen, wo andere wahrscheinlich nur eine Böschung oder einen verlassenen Schuppen gesehen hätten.
Michael brachte ebenfalls Ausdauererfahrung mit. Zahlreiche Ultraläufe, mehrere 24h Radrennen und ein Leben Outdoor brachten viel Ausdauererfahrung mit.Auf dem Papier passte es. Was der Körper von Papier hält, sollten sie allerdings ziemlich schnell erfahren. Ende September 2025 flogen die beiden nach Marrakesch. Sie hatten mehr als ein Jahr geplant und vorbereitet. Sechzig Tage später sollte einer von ihnen in Nouakchott stehen. Dass es nur einer sein würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand.
MARRAKECH
Die ersten Kilometer
Der Start verlief erst einmal gar nicht gut.
Der erste Tag begann direkt stressig mit der Ankunft. Das Gepäck musste gefunden werden, denn ein Paket als Sperrgut war zunächst vershwunden und stand irgendwo Seelenlos und einsam in der Ecke herum.
Das Mobile Internet streikte und wollte sich nicht online schalten, sodass die beiden auch nicht mit gMaps die Unterkunft für den ersten Tag lokalisieren konnten. Geplant war, dass die fussläufig zu erreichen sei…aber ohne Navigation,
dennoch nicht zu finden.
Also gingen die beiden mit den 6 Koffern erstmal total „Oldschool“ zum Taxistand, vereinbarten einen Preis (rd 10€) und ließen sich zu der Adresse fahren. Fußläufig? Von wegen! 15min quer durch Marrakech kamen die beiden an einer
Adresse an, und irgendwie wirkte hier alles sehr komisch.
In einem kleinen Laden fragte Michael nach Hilfe und der Inhaber rief die Unterkunft an.
Fußläufig? Ja klar! Denn der Taxifahrer fuhr die beiden zur falschen Adresse.
Die Unterkunft lag tatsächlich 5min vom Terminal zu Fuß weg, und aus dem Fenster der Unterkunft konnten beide später sogar die Flugzeuge starten sehen.
Vereinbart war auch, dass sie bereits um 10Uhr in die Unterkunft gedurft hätten, jedoch waren die Vormieter noch da und sie mussten bis Nachmittags warten.
Kein Problem – die Koffer konnten die beiden unterstellen und die Zeit nutzten die beiden um in die Stadt zu kommen.
Denn es waren noch einige Besorgungen zu erledigen:.
Gaskartuschen
Taschenmesser
kleine Vorräte
Koffer verschenken
usw.
Decathlon. Supermarkt. Medina.
Doch Garkartuschen waren unauffindbar. Feuerzeuge waren schwer aufzutreiben und ganz Marrakech hatte keine brauchbaren Taschenmesser, ausser stumpfe „Touareg““ Säbel, welche als Deko verkauft wurden.
Stunden vergingen und Michael ätzte vollkommen erschöpft in der Sonne.
Irgendwann ein Erfolgserlebnis, ein komplett neues Garkocher System wurde gefunden, mit passenden Kartuschen und auch noch relativ günstig.
Die beiden können nun unterwegs kochen. Ein großes Problem gelöst.
Zurück in der Unterkunft angekommen, standen da immer noch die Koffer. Die Anhänger mussten aufgebaut werden, es war bereits spät. Die Erschöpfung groß. Michael hatte große Probleme sich mit der Hitze selbst am Abend zu arrangieren.
Die Nacht war kurz, und für Michael auch recht schlaflos.
Am Morgen viel die Entscheidung:
Der erste geplante Wandertag wurde verschoben. Der Körper machte nicht so mit, wie er sollte, und bevor die eigentliche Reise überhaupt richtig begonnen hatte, war damit schon ein Tag aus dem Zeitplan verschwunden.
59 statt 60 Tage. Nun gut. Bei einer Strecke von mehr als zweitausend Kilometern machte ein verlorener Tag rechnerisch keinen dramatischen Unterschied. Psychologisch sah das wahrscheinlich etwas anders aus. Dann ging es tatsächlich los. Die Anhänger waren gepackt, Marrakesch lag hinter ihnen, und aus einer Idee, über die man monatelang gesprochen hatte, wurde plötzlich etwas sehr Einfaches: laufen.
Die ersten Kilometer fühlten sich vermutlich noch nach Aufbruch an. Man ist endlich unterwegs, alles ist neu, der Körper frisch, die Motivation hoch. Dann kommt irgendwann Kilometer zwanzig. Und danach Kilometer dreißig. Und der Anhänger ist immer noch da. Die Hitze ebenfalls.
Schon am ersten richtigen Wandertag wurde deutlich, dass diese Reise nicht lange brauchen würde, um ihren romantischen Anteil abzustreifen. Am Straßenrand begegneten Sascha und Michael einem Mann namens Adil, der ebenfalls zu Fuß unterwegs war, allerdings nur bis zur nächsten Stadt. Er lud die beiden zum Essen ein und half ihnen später dabei, einen Schlafplatz zu finden. Es war eine der ersten Begegnungen einer Reise, auf der sich dieses Muster immer wiederholen sollte: Menschen, die eigentlich keinen Grund hatten zu helfen, taten es trotzdem. Nach rund dreißig Kilometern war Schluss.
Essen. Hinlegen. Schlafen.
Am nächsten Morgen würde das Atlasgebirge anfangen. Und der Atlas war nicht beige auf der Landkarte. Der ging nach oben.
VOR DER REISE WAREN BEIDE NOCH SEHR OPTIMISTISCH:
Das Atlas Gebirge – Tag 2 – Das mit dem gemeinsamen Laufen wird schwierig
Zunächst stieg die Straße nur langsam an. Dann weniger langsam. Die Anhänger, auf flachem Asphalt schon keine ausgesprochen charmanten Reisebegleiter, entwickelten bergauf eine neue Persönlichkeit. Sie zogen nach hinten, ständig, unerbittlich, und erinnerten bei jedem Schritt daran, dass man beschlossen hatte, seinen gesamten Hausstand selbst durch Nordwestafrika zu schleppen. Dazu kam der Verkehr. Lastwagen. Autos. Kurven. Ein schmaler Straßenrand. Man hörte Motoren hinter sich, musste einschätzen, wie viel Platz blieb, wieder ein Stück zur Seite, weitergehen, nächster Lkw.
Plötzlich hielt ein schwarzer PKW und ein recht junger Mann, merkwürdig tätowiert ua auch im Gesicht sprang aus dem Auto und rannte auf beide zu.
Bei einem kurzen Gespräch kam sowas wie: „Crazy, diese German People – Verrückt was ihr da macht“ und ähnliches heraus. Der Mann schenkte ihnen Wasser und bot ihnen Geld an, um Abends etwas zu Essen kaufen zu können.
Das Wasser, so toll es denn war, war aber zu dem Zeitpunkt zusätzliche 5kg auf Anhänger, und jeder von ihnen hatte noch ca 10L Wasser dabei. Nach einigen Kilometern in der prallen Sonne entschied sich Michael mit dem Wasser einfach mal am Strassenrand zu duschen. Was für eine Erfrischung. Herrlich. Ein wenig den Staub abzuwaschen, der schön auf der verschwitzten Haut klebte.
Nach ungefähr acht Kilometern ging es Michael schlecht. Nicht ein bisschen schlecht. Sein Körper machte ziemlich deutlich, dass er mit der aktuellen Planung nicht einverstanden war. Übelkeit, Krämpfe, Erschöpfung. Irgendwann musste er sich übergeben.
Die beiden trafen eine Entscheidung, die eigentlich nicht vorgesehen gewesen war: Michael sollte versuchen, per Anhalter vorauszufahren. Sascha würde zu Fuß nachkommen. Ein Fahrer nahm Michael mit. Mit Google Translate wurde irgendwie geklärt, was wohin musste, die Rückbank umgelegt, die Zugstangen des Anhängers abmontiert und das ganze Zeug im Auto verstaut. Während der Fahrt verkrampften Michaels Waden. Später musste er erneut erbrechen. Elektrolyte. Magnesium. Kalzium.
Warten.
Seine Erfahrung aus den langen Läufen zu Hause und die Ratschläge von seinem persönlichen Mediziner (ja Stephan wir meinen dich) halfen ihm ungemein.
Sascha war währenddessen noch irgendwo draußen. 23 Kilometer Gebirge lagen vor ihm.
Allein.
Es wurde Nachmittag, dann Abend und schließlich dunkel. Die Berge verschluckten das Licht, der Verkehr wurde weniger und aus der gemeinsamen Wanderung war am zweiten Tag bereits eine ziemlich einsame Angelegenheit geworden. Gegen 22 Uhr erreichte Sascha schließlich den Treffpunkt. 32 Kilometer. Michael wartete dort. Sie aßen Suppe und etwas, das Michael später ungefähr als Pizza beschrieb, und für diesen Abend war erst einmal wieder alles in Ordnung. Oder zumindest so weit in Ordnung, wie es sein kann, wenn einer von zwei Wanderern am zweiten Tag bereits erbrochen hat, Krämpfe bekommt und der andere bis zehn Uhr abends allein durchs Atlasgebirge marschiert. Sie gingen schlafen. Morgen war schließlich auch noch ein Tag.
Leider.
Tag 3 – Es geht nicht
Ausgeschlafen. Am nächsten Morgen fühlte Michael sich tatsächlich besser. Er hatte geschlafen, war wieder motiviert und wollte weiter. Vielleicht war es nur der erste Schock gewesen. Vielleicht hatte der Körper sich jetzt gefangen.
Solche Gedanken sind angenehm. Sie hielten nicht lange.
Aber erstmal begrüßte der Inhaber der Unterkunft beide mit einem Frühstück im Garten.
Ein Garten der wie eine Oase in den Bergen wirkte. Die Landschaft war karg, sandig, steinig und es gab nur wenige Pflanzen. Der Garten hingegen, grüner Rasen und voll blühender Pflanzen, die Vögel zwitscherten und es war wie im Paradies
mit Omelett, Kaffee und Pfannkuchen.
Dann ging es wieder los, alles auf die Anhänger verpackt, verzurrt und angeschnallt. Leider hielt es bei Sascha nicht so gut, was er auch ziemlich deutlich dem Anhänger mitteilen wollte. Dieser war allerdings unbeeindruckt von seinem
Geschimpfe.
Nach wenigen Kilometern kamen Michaels Probleme zurück. Die Kräfte verschwanden, der Kreislauf machte Schwierigkeiten, und erneut beschlossen die beiden, sich zu trennen. Michael wollte per Anhalter vorraus und am nächsten Treffpunkt
warten. Diesmal hielt nur niemand an. Er war enttäuscht und zweifelte leicht panisch. Also ging er weiter. Er hatte keine andere Wahl. Sascha wollte „tempo“ machen und ist bereits vorausgeeilt.
Die Sonne stand über dem Atlas, die Straße zog sich durch die Berge, und irgendwann wurde Michael schwarz vor Augen. Er konnte sich gerade noch an einer Mauer festhalten. Hinsetzen. Warten. Atmen. Wieder aufstehen. Weiter.
Stunden vergingen und es kam einfach kein Auto vorbei. Es gab keine Häuser, und noch schlimmer, der Handyempfang war bei „Null“.
Dann kam der nächste Schwindelanfall. Dieses Mal legte er sich hart fallend auf den Asphalt. Autsch! Nun lag er da. Panik!
Wasser war alle. Nichts trinkbares greifbar. Und immer noch kein Auto weit und breit.
Irgendwo in der Ferne war eine kleine Ortschaft zu erkennen. Michael schaffte es dorthin, fand einen Laden, kaufte kaltes Wasser und mischte Elektrolyte hinein. Es half zumindest so weit, dass er weiterdenken konnte. Am Ortsausgang
staute sich der Verkehr an einer Baustelle. Ein Mann rief ihm etwas zu.
„Mauretania! Mauretania!“
Offenbar war der Anhänger inzwischen Erklärung genug. Der Mann zeigte zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. Sein Freund sei noch unterwegs, versuchte er zu erklären. Irgendwann sah er Sascha. Er rief. Sascha hörte
ihn zunächst nicht. Noch einmal. Schließlich bemerkte Sascha ihn und kam zurück. Michael war inzwischen so erschöpft, dass Sascha ihn stützen musste. Ein Auto hielt. Es wurde versucht zu erklären wo wir hin wollten und schließlich
wurde Michael samt Gepäck einige Kilometer bis zum geplanten Treffpunkt gebracht.
Dort fanden sie neben einer Dorfruine einen Platz für die Nacht. Ein kleiner Junge, vielleicht fünf Jahre alt, half mit großer Begeisterung beim Aufbau des Zeltes. Für ihn war das vermutlich eine willkommene Abwechslung. Für die beiden war es schlicht der Platz, an dem sie nach diesem Tag endlich liegen konnten. Als es dunkel wurde, bellten irgendwo Hunde. Ihre Stimmen hallten durch die Berge. Dann wurde es gefühlt nach Stundenlangen gebelle endlich still.
Gegen fünf Uhr morgens wachte Michael auf. Brustschmerzen. Der linke Arm fühlte sich taub an. Zunächst dachte er an seinen Magen. Er kannte entsprechende Beschwerden und nahm Medikamente. Es wurde nicht besser. Auch das Atmen fiel ihm zunehmend schwer. Gegen halb acht weckte er Sascha. Michael maß seinen Puls. 135 im Liegen. Sein normaler Ruhepuls lag nach seinen eigenen Angaben bei ungefähr 45.
Damit war die Diskussion beendet.
Es ging nicht mehr darum, ob man heute dreißig oder vierzig Kilometer schaffen würde. Auch nicht darum, ob eine Mitfahrt nach den selbst auferlegten Trek-Regeln irgendeine Strafzeit bedeutete.
Es ging ins Krankenhaus.
Wir? – Wer sind „wir“ denn?
Sascha – 37 Jahre junger professioneller Globetrotter und „Hobby –Landstreicher“, verbrachte schon einige Zeit unter dem Namen „Mit Hut um die Welt“ in der verschiedensten Ecken der Welt und kam 2024 zurück nach Deutschland um erfolgreich sein erstes Buch zu veröffentlichen. Sascha ist das ausdauernde Rückrat dieser Aktion, denn er weiß wie es ist tagelang allein im nichts zu sein, zudem ein Experte in der Schlafplatz suche. Er versteht sich in jeder Ecke der Welt auf Anhieb mit den Einheimischen, obwohl er nur Deutsch und ein wenig Englisch spricht.
Micha – 44 Jahre alter Fotograf/Videograf, Mediengestalter und Mitbegründer von Teamwork Africa Deutschland e.V. hat in der Vergangenheit bereits diese Wüste mit einem Lada Niva durchquert. Er hatte auch die Idee diese Strecke nochmal per Pedes zu erleben. Als Profi im Bereich Film und Socialmedia wird er euch tolle Bilder und haarsträubende Stories liefern. Micha ist selbst in brenzligen Situationen oder Notlagen immer die Ruhe selbst, ein handwerklicher Allrounder und Organisator. Auch er spricht nur Deutsch und Englisch.
FUNFACT: In der Region wird nur Französisch oder Arabisch gesprochen…
Der Name Mercy House stammt von der tragischen Geschichte eines lieben jungen Mädchens, aus einer etwas ländlichen Region in Liberia. Sie wurde wiederholt angegriffen und dabei auch vergewaltigt. Aus Angst und Scham erzählte sie niemandem davon. Sie wurde Schwanger und brachte zwei Wochen nach ihrem 14. Geburtstag ein kleines Mädchen zur Welt. Peggy fand die beiden in einem Dorf und brachten die beiden nach Monrovia. In der Pflegefamilie angekommen wurde Peggy gebeten dem Baby einen Namen zu geben. Sie entschied sich für „Mercy“, Barmherzigkeit oder Gnade, denn diesen beiden Kindern sollte es von nun an besser gehen. Im Mai 2025 wird Mercy 4 Jahre alt.
Auf dem Bild seht ihr übrigens Mercy.
Zwei Wege
Michael fährt zurück
Knapp neunzig Kilometer trennten Michael von Marrakech. Ein kleiner Bus nahm ihn zunächst mit. In Ouirgane war Schluss, von dort half der Besitzer eines Gästehauses bei der Organisation der Weiterfahrt. Während Sascha irgendwo im Atlas zurückblieb, fuhr Michael den Weg zurück, den sie gerade erst begonnen hatten. Es muss ein merkwürdiges Gefühl gewesen sein. Mehr als ein Jahr Vorbereitung, Training, Organisation, Interviews, Ausrüstung, Pläne. Immer diese 2.250 Kilometer vor Augen. Und nun saß er nach wenigen Tagen in einem Bus nach Marrakesch. Nicht weil er keine Lust mehr hatte. Nicht weil das Wetter schlecht war.
Sondern weil sein Körper ihm eine Grenze gesetzt hatte, über die man bei Brustschmerzen, Atemproblemen, einem tauben Arm und einem Ruhepuls von 135 vernünftigerweise nicht diskutiert.
In Marrakech kam Michael in eine Klinik. 400€ Cash auf den Tresen, denn eine Krankenversicherung zahlt hier erstmal nicht. Und erstaunlich schnell durfte er direkt an den gefühlt 30 Wartenden Patienten vorbei ins Behandlungszimmer.
Schon ein mieses Gefühl, auch wenn man bestimmt erstmal froh ist nach 5-6h Horrorfahrt im Krankenhaus direkt behandelt zu werden.
EKG. Blutuntersuchung. Infusion. Warten. Noch eine Infusion. Weiter warten.
Dieses Krankenhauswarten, bei dem die Zeit ohnehin eine andere Geschwindigkeit bekommt und man plötzlich sehr froh darüber ist, wenn ein Arzt sagt, dass er zumindest nichts unmittelbar Lebensbedrohliches findet. Die Empfehlung war trotzdem eindeutig: weitere kardiologische Untersuchung in Deutschland. Denn Ausschließen können man erstmal nichts, aber stabil wäre er erstmal.
Damit war Michaels No Mercy Trek vorbei.
Später schrieb er offen, wie es ihm damit ging.
Frustriert. Enttäuscht. Fassungslos. Wütend.
Das trifft es wahrscheinlich besser als jede dramatische Beschreibung. Er musste zurück.
Sascha nicht.
Sascha geht weiter
Der Abschied dürfte für beide unangenehm gewesen sein, und er brauchte keine große Szene.
Michael zurück nach Marrakech. Sascha Richtung Süden. Das war es.
Die 2.250 Kilometer waren als gemeinsames Projekt geplant gewesen. Nun stand Sascha nach wenigen Tagen allein im Atlas, mit seinem Anhänger und der Aussicht, dass der überwiegende Teil dieser Reise noch vor ihm lag. Etwa 800 Kilometer waren es allein bis zur eigentlichen Sahara. Er ging los.
Was hätte er sonst tun sollen?
Die Landschaft war karg, dazwischen kleine Siedlungen, einfache Häuser und Ruinen. Sascha fiel die Armut auf. Gleichzeitig erlebte er eine Freundlichkeit, die ihn durch die nächsten Wochen begleiten sollte. Als er am Abend einen Platz für sein Zelt suchte, sprach ihn ein Mann an und bot ihm eine Unterkunft an. Sascha nahm sie. Die erste Nacht allein musste also nicht irgendwo am Straßenrand stattfinden. Das war schon mal etwas. Morgen würde es wieder bergauf gehen. Sehr viel bergauf.
Tag 5 – Irgendwann muss oben sein
Der fünfte Tag wurde zu einem dieser Tage, die sich im Nachhinein wahrscheinlich auf wenige Sätze reduzieren lassen und währenddessen überhaupt nicht enden wollen. Es ging bergauf. Und bergauf. Und danach, zur Abwechslung, noch ein Stück bergauf. Der Anhänger hing hinter Sascha und machte genau das, wofür die Schwerkraft ihn vorgesehen hatte: Er wollte nach unten. Sascha wollte nach oben. Damit waren die Interessen für diesen Tag klar verteilt. Die Sonne stand über den Bergen, die Straße wand sich durch den Atlas, und Sascha arbeitete sich Meter für Meter vorwärts. Nicht in großen heroischen Etappen. Eher so, wie solche Dinge tatsächlich funktionieren.
Ein Stück laufen. Stehen bleiben. Trinken. Atmen. Weiter. Das ist schon fast ein Yoga Mantra – und wurde für die nächsten Wochen zum ständigen Begleiter.
Das Gemeine waren die Kurven. Man sieht eine Straße ansteigen, sie verschwindet hinter einem Felsen und man redet sich ein, dass es dahinter bestimmt flacher wird. Dann kommt man um die Kurve. Nein. Noch mehr Berg. Irgendwann hört man vermutlich auf, sich darüber zu ärgern. Man kann es sowieso nicht ändern, und es hilft auch kein Stück für die Motivation.
Am Nachmittag erreichte Sascha tatsächlich den höchsten Punkt. Plötzlich ging die Straße nicht mehr nach oben. Vor ihm lagen Berge und Täler, hinter ihm all die Höhenmeter, die er den Anhänger hinaufgezogen hatte, und für eine Weile konnte er einfach stehen bleiben und schauen. Danach ging es zwei Stunden bergab. Was nach einem ganzen Tag Aufstieg zunächst wie ein Geschenk klingt, bis man merkt, dass bergab mit müden Beinen und Anhänger ebenfalls eine durchaus eigene Form von Arbeit ist. Denn dieses schwere leicht rollende Ding schiebt gnadenlos und drückt Sascha unnachgiebig den Berg runter.
Am Abend fand Sascha eine verlassene Baustelle. Dort stellte er sein Zelt auf. Romantisch war daran vermutlich wenig. Aber eben. Etwas Windgeschützt und für den Anspruchslosen Wanderer schon ein Stück Wertvoll. Dach wäre Luxus gewesen. Ebener Boden reichte.
Raus aus den Bergen
Am nächsten Tag waren es 33 Kilometer. Für die ersten elf brauchte Sascha fast sechs Stunden. Das Gebirge bestimmte das Tempo, nicht er. Dann wurde die Straße flacher. Noch einmal konnte er zurück auf die Berge schauen, die ihn in den vergangenen Tagen beschäftigt hatten, und langsam veränderte sich die Landschaft. Mehr Verkehr. Mehr Hitze. Andere Vegetation.
Am späten Nachmittag fand er endlich wieder eine Möglichkeit, Wasser aufzufüllen.
In Oulad Ber Rehil setzte er sich in ein Café. Ein Stuhl, Schatten und etwas zu trinken sind keine besonders erwähnenswerten Dinge, solange man sie jeden Tag hat
Aber selbst schon nach der kurzen Zeit und den Dauerhaften Verzicht macht sowas schon zu etwas besonderem. Die 2,50€ pro Tag an zur Verfügung stehenden Geld waren bisher überhaupt kein Problem. Denn viele Stellen um Geld auszugeben
gab es bisher nicht und die Menschen unterwegs stellten sich bisweilen wie erwartet auch als sehr Gastfreundlich heraus. Nicht nur einmal hielten Autos unterwegs und verschenkten Wasser oder Obst..
Wenn man sie nicht hat, sieht die Sache anders aus und auch das macht dieses Abenteuer wieder so besonders.
Sascha stellte später sein Zelt auf und rechnete. Noch einige Tage bis Taroudant. Weiter Richtung Süden. Immer Richtung Süden.
Die ersten zehn Tage
Nach ungefähr zehn Tagen begann die Reise eine gewisse Routine zu entwickeln.
Morgens aufstehen. Zusammenpacken. Das Zelt zum trocknen aufhängen. Etwas essen. Los.
Der Anhänger war inzwischen kein Fremdkörper mehr, sondern einfach das Ding, das immer hinter ihm war. Menschen am Straßenrand gaben Sascha Wasser oder Brot. Autofahrer hupten, manche zeigten den Daumen nach oben. Dann waren sie wieder weg.
Die Landschaft wechselte. Berge verschwanden. Das Land wurde trockener. Die ersten Dünen tauchten auf. Sand wehte über die Straße. War sie das schon? War das schon die Sahara?
Fast 350 Kilometer lagen inzwischen hinter ihm. Der Atlantik war nicht mehr weit. Nach Tagen in den Bergen und im trockenen Inland musste allein der Gedanke an das Meer angenehm sein. Schließlich hatte Sascha schon immer eine besondere Verbindung zum Meer. Das Wasser zog ihn immer wieder magisch an. Da fragt man sich, wann er vielleicht mal mit dem Schiff die Welt umrundet.
Wobei das Meer, wie sich später herausstellen sollte, auch nicht vorhatte, ihm die Reise besonders einfach zu machen.
Der Atlantik
Ein alter Freund
Manchmal änderte sich die Landschaft innerhalb weniger Stunden. Erst Sand, und den findet man überall, man sieht ihn, man riecht ihn, und man findet den Sand auch in jeder Ritze seines Körpers wieder. Dann plötzlich eine Oase, grüne
Plantagen, Pflanzen, Menschen. Überall wo nur etwas grünes ist, findet man auch man etwas leben in Form von Zivilisation. Das ist bereits nach der kurzen Zeit eine willkommen Abwechslung. Denn Menschen bedeuten auch immer wieder
Begegnungen.
Danach wieder trockenes Land und eine Straße, die so gerade zum Horizont führte, dass man sich fragte, ob es am Horizont auch mal eine Abbiegung geben könnte…unendliche weite in jede Richtung.
Sascha kaufte Wasser und Lebensmittel, wenn es möglich war. Manche Orte wirkten fast verlassen. Dörfer oder kleine Siedlungen, und kein Mensch weit und breit. Ein Lebensfeindlicher Ort und eine Kulisse wie in einem Endzeitfilm.
Dann wurde der Wind stärker. Und kälter. Obwohl man nun weniger Schwitzte, doch ein leichtes Gefühl von Kälte verspürte, verbrannte die Sonne die Haut gnadenlos.
In Aglhou erreichte er schließlich den Atlantik. Er suchte sich einen Platz in den Dünen und stellte dort sein Zelt auf. Einen Moment Ruhe, suchte er Erholung von den letzten Kilometern. In der Nacht hörte er das Meer.
Am nächsten Morgen lag der Atlantik direkt vor ihm. Nach all den trockenen Kilometern war das ein schöner Anblick. Sascha beschrieb das Rauschen des Meeres später wie die Begegnung mit einem alten Freund.Der Weg nach Mirleft lief zunächst gut. Eben, und immer geradeaus…endlos geradeaus…ohne das was spannendes passiert oder zu sehen war. Danach wurde es wieder hügelig. Eine gelunge Abwechslung, denn so konnte wenigstens die Phantasie Ideen ausmalen, wie es hinter dem nächsten Hügel den Aussehen mag. Sascha träumte von Palmen, Kamelen, oder einem riesigen Pool…doch leider war da immer nur Sand, Sonne und unendliche Weite.
Und der Fuß fing an. Erst ein Schmerz, den man noch ignorieren kann.Dann einer, über den man nachdenkt.
Über eine solche Eventualität hatten die beiden zwar im Vorfeld öfters mal philosophiert, jedoch immer wieder als „das passiert schon nicht“ abgetan. Bei Sonnenuntergang humpelte Sascha schließlich nach Sidi Ifni.
Er suchte einen Platz für sein Zelt und fand keinen vernünftigen. Dann hielt ein Auto, wiedermal einer dieser Momente, die das Schicksal bestimmen können. Der Fahrer sprach ihn an und bot ihm ein Zimmer in seinem Hotel an. Also Hotel. Man darf auch Glück haben. Unfassbares Glück. Denn ein Bett, eine Dusche und ein wenig Erholung können jetzt aufgarkeinen Fall schaden. Am nächsten Morgen musste der Fuß trotzdem wieder in den Schuh, und diesmal war die kurze Erholung noch nicht genug.
Die falsche Straße
Ein paar Tage später lief Sascha stundenlang durch eine Gegend, in der kaum jemand unterwegs war.
Wenig Verkehr. Kaum Menschen. Der Atlantik. Gegenwind. Straße. Die Küstenroute hatte es in sich, denn Steile Abfahrten, gefolgt von entsprechende Anstiege, und der Anhänger machte aus jeder Bodenwelle eine persönliche Angelegenheit.
Gepäck, Wasser und ein paar andere Kleinigkeiten, das waren immerhin rund 40kg auf 2 Rädern, und die wollten immer Bergab rollen, egal was Sascha am vorderen Ende vor hatte.
Teilweise empfand Sascha die Steigungen hier als schlimmer als im Atlas Gebirge. Denn es war ein ständiges auf und ab über nur einige 100m.
Immerhin war die Landschaft spektakulär.
Steilküste, Meer, kaum Bebauung. Man konnte immer die salzige Briese riechen, denn der Wind kam immer von vorne. Immer, egal in welche Richtung man auch gegangen wäre. Er fand einen Platz am Atlantik und verbrachte dort die Nacht.
Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass die Straße, auf der er unterwegs war, nicht dorthin führte, wo er hinmusste.
Sackgasse. Drei Tage Umweg. Drei Tage hatte er nicht.
Man kann sich vorstellen, dass dieser Moment nach all den zurückgelegten Kilometern eine gewisse Begeisterung ausgelöst haben dürfte.
Ein Lkw-Fahrer half. Wiedermal eine dieser Begegnungen. Man lernt eines schnell in dieser Gegend. Die Menschen helfen sich wenn möglich immer. Kein Mensch wird in der Wüste zurückgelassen. Selbstverständlichkeiten, die in unseren Breiten
schon eher selten geworden sind. Sascha ließ sich bis zur richtigen Hauptstraße bringen. Nach den ursprünglichen Regeln bedeutete eine solche Mitfahrt eigentlich eine Penalty. Die beiden hatten vor dem Start festgelegt, dass nicht
zu Fuß zurückgelegte Kilometer durch Arbeitsstunden ausgeglichen werden sollten. In diesem Moment war aber zunächst wichtiger, überhaupt wieder auf der richtigen Route zu sein.
Bei der Routenplanung über Google hofft man schließlich, dass Strassen auch vorhanden sind und nicht irgendwo im nichts enden.
Da ist eine etwas großzügige Auslegung der Regeln wohl OK…?
Also zurück Richtung Tan-Tan. Diesmal auf einer Straße, die auch tatsächlich dort hinführte. Ein Fortschritt.
Der Fuß will nicht mehr
Die Küstenstraße hatte ihre Spuren hinterlassen. Sascha humpelte inzwischen. Der Fuß schmerzte, egal wie er seine Schuh schnürte, egal wie er versuchte sein Gewicht zu verlagern, der Schmerz wurde immer deutlicher…
An den vorherigen Tagen waren noch um die vierzig Kilometer möglich gewesen. Jetzt waren fünfzehn schon genug. Jeder Schritt meldete sich. Und das Problem mit einem schmerzenden Fuß auf einer Wanderung ist relativ offensichtlich:
Man besitzt keinen Ersatzfuß. Ein Lkw-Fahrer nahm Sascha für die letzten Kilometer nach Tan-Tan mit.
Dort zog er die Konsequenz. Pause. Der Fuß brauchte Ruhe. Der Anhänger übrigens auch. Schrauben hatten sich gelöst, Speichen verabschiedet, überall gab es Kleinigkeiten, die nach den ersten Hunderten Kilometern Aufmerksamkeit verlangten.
Also reparieren. Essen. Schlafen. Fuß hoch.
Tan-Tan war gleichzeitig eine Art Grenze.
Hinter der Stadt begann der Abschnitt, wegen dem diese ganze Reise überhaupt ihren Namen bekommen hatte.
Die Sahara.
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Wir bedanken uns vielmals und herzlich für ihrer Unterstützung.
Das Tor zur Sahara
Sascha blieb einen zusätzlichen Tag in Tan-Tan. Nicht weil der Zeitplan das vorsah, sondern weil sein Fuß anderer Meinung war. Und es war dringend notwendig. Auch wenn jeder Tag Pause eine defizit von rund 37km bedeutet, aber das Problem muss man in den nächsten Rund 40 Tagen angehen und sollte es jetzt nicht übers Knie brechen.
Er lief durch die engen Straßen der Stadt, besorgte Dinge, kümmerte sich um den Anhänger und gönnte dem Körper eine Pause. Der Anhänger bekam eine kleine Wartung, denn neben den Defekten, hatte es Sascha auch schlicht vergessen die Achsen zu fetten, oder die losen Schrauben wieder anzuziehen. Etwas was jetzt zur Quittung wurde.
Dann ging es weiter. Wieder zum Atlantik. Industrieanlagen lagen am Weg, erstaunlich was Marrokko hier gerade zum Thema regenerative Energie auf die Beine gestellt hat. Wind und Sonne gibt es hier ohne Ende.
später wurde die Küste einsamer. Unterhalb der Straße brachen Wellen gegen die Klippen, eine gelunge Geräuschkulisse, welche zur mentalen Meditation beitrugen. Man wurde wie auf den Wellen mitgetragen. Einfach schön.
Angler standen an der Küste, und manchmal fragte man sich, wie diese in den Klippen standen, immer einen Hauch davon entfernt in die Wellen zu stürzen.
Öfters traf man diese auch oberhalb mit ihren Geländewagen, und immer wieder gab es kurze Grüße und kurze Gespräche. Die Menschen fanden es schon sehr imposant, in dieser Gegend per Pedes unterwegs zu sein. Auf diese Idee würde man
dortnicht kommen.
Parallel zur Hauptstraße verlief stellenweise eine alte Straße. Weniger Verkehr. Das war angenehm. Der Straßenverkehr war längst zu einem eigenen Risiko geworden. Ein Lastwagen, der dicht vorbeifuhr, brauchte keine besondere Dramaturgie. Der Luftzug reichte. Und wirklich Abstand hielt auch keiner, manchmal war man nur wenige Zentimeter vom Fahrzeug entfernt,
Auf der alten Straße war es ruhiger. In Akhfenir kaufte Sascha Vorräte für mehrere Tage. Danach würde es wieder dünn werden mit Geschäften, Restaurants und allem, was man sonst gerne in der Nähe hat, wenn man Hunger oder Durst bekommt. Geld war kein Problem, denn in den letzten Tagen konnte er wieder einiges ansparen und es blieb noch genug übrig um essen gehen zu können.
Er aß Fisch. Ordentlich. Danach ging es hinaus.
Sahara
Sand, Straße, Himmel
Jetzt wurde die Landschaft langsam zu dem, was man sich unter Sahara vorstellt.
Dünen. Sand. Wind. Viel Himmel.
Und diese Entfernungen, bei denen das Auge irgendwann keinen brauchbaren Maßstab mehr findet.
Etwas steht am Horizont und sieht aus, als müsste es vielleicht zwei Kilometer entfernt sein. Eine Stunde später steht es immer noch am Horizont. Hinter einem ist längst nichts mehr zu erkennen, was darauf hindeutet, dass man morgens irgendwo aufgebrochen ist, und vor einem liegt dieselbe Straße, die sich so gerade durch die Landschaft zieht, als hätte jemand beim Bau ein Lineal benutzt.
Sascha lief. Irgendwann begegnete ihm ein Radreisender. Ein kurzer Austausch mitten in dieser Weite, dann bewegten sich beide wieder in ihre Richtungen.
Abends stellte Sascha das Zelt in der Steppe auf. Über ihm ein Sternenhimmel, für den es keinen Campingplatz mit fünf Sternen braucht. Hier waren ohnehin mehr. Autofahrer hielten an und gaben ihm Wasser. Lkw-Fahrer grüßten. Manche
Menschen blieben nur ein paar Minuten. Es waren trotzdem Kontakte. Und Kontakte wurden wichtiger, je weniger davon es gab.
Die Einsamkeit, die Anstrengung, selbst ein Reisender wie Sascha, der vor Erfahrung trotzt, kommt hier an seine Grenzen.
Tarfaya
Tarfaya war eine angenehme Unterbrechung. Nicht nur, weil es eine Stadt war. Hier hatte Antoine de Saint-Exupéry gelebt, lange bevor Der kleine Prinz ihn weltberühmt machte. Sascha, selbst Autor, besuchte das Museum.
Originalzeichnungen. Geschichte. Ein Gästebuch.
Für einen Moment ging es nicht um den nächsten Wasservorrat, den Fuß oder die Frage, wo er am Abend schlafen würde. Er trug sich ins Gästebuch ein. Hielt für ein paar Momente inne und genoss einfach den Moment, in dem er nicht einfach
nur gehen musste. Es war ein Stück Zerstreuung. Ein Moment der auch den eigentlichen Grund dieser Wanderung wieder ins Gedächtnis rief.
Wie fühlten sich wohl diese Frauen, für die wir dieses Frauenhaus bauen? Haben Menschen mit einem solchen Trauma auch die Möglichkeit für einen solchen Moment der Zerstreuung? Wie muss sich sowas dann Anfühlen und wie wichtig ist
dann ein solcher Ort.
Der Moment war bedeutsam. Man bekam Erfurcht!
Dann ging er wieder hinaus. Hinter Tarfaya wartete die Sahara. Und die hatte von Literatur nicht viel.
Halbzeit
Ende Oktober waren fast tausend Kilometer geschafft. Die Hälfte der Zeit war vorbei. Die Hälfte der Strecke ungefähr auch, wobei „ungefähr“ inzwischen eine zunehmend wichtige Maßeinheit geworden war.
Sascha lief durch Sanddünen Richtung Laâyoune. An der Küste gab es Militärposten. Nicht überall durfte er sein Zelt einfach aufstellen. Die Soldaten waren freundlich und halfen ihm bei der Suche nach einem Platz. Denn diese Posten hatten einen Sinn, sie sollten die Küste schützen. Schützen davor, das Flüchtlinge ans Wasser gelangen. Und da konnte Sascha nicht einfach irgendwo in der Landschaft campieren.
Kurz vor Sonnenuntergang fand sich schließlich eine Tankstelle. Tankstellen entwickelten sich auf dieser Reise langsam zu etwas, das in normalen Urlaubserzählungen vermutlich eher selten vorkommt. Andere Menschen berichten begeistert von Boutiquehotels, Rooftopbars und Restaurants mit Meerblick. Sascha hatte Tankstellen. Dafür boten sie einiges.
Wasser. Manchmal Essen. Menschen. Ein Dach. Licht. Gelegentlich sogar eine Toilette. Und oftmals eine Ratte die Nachts seinen Schlafsack besuchten.
Nach einigen Wochen draußen setzt man Prioritäten.
1.000 Kilometer
Anfang November fiel die Tausendermarke.
1.000 Kilometer zu Fuß. Die Zahl war groß genug, um kurz darüber nachzudenken. Nur leider lagen noch mehr als tausend vor ihm. Dennoch ein Meilenstein, den man sich bewusst machen muss. Wer kann schon von sich behaupten 1000km in einem Monat gewandert zu sein, ohne zu wissen, wo er Abends schläft, wo das nächste Wasser zu kaufen gibt, hunderte Kilometer weg vom nächsten Krankenhaus und soweiter….
In Laâyoune wurde Sascha von einem Surfclub aufgenommen. Ein Rad am Anhänger musste mal repariert werden. Sascha handwerklich leider mit 2 linken Händen ausgestattet fand hier wieder Menschen die den Anhänger wieder flott machen konnten.
Danach ging es wieder raus. Richtung Boujdour.
Prärie. Straße. Horizont.
Menschen hielten an, und reichten ihm Obst oder Wasser. Manche boten einen Platz zum Schlafen an. In der Wüste ist man zwar allein, über Stunden auch schon mal hilflos, aber wenn jemand kommt, dann wird auch geholfen. Eine faszinierende Gegend.
Dann wieder Nächte draußen. Tankstellen. Kleine Verschläge.
Irgendwo hielt Patrick, ein Deutscher mit einem Mercedes.
Ein kurzes Gespräch. Ein eiskalter Apfelsaft. Danach fuhr Patrick weiter. Sascha ging weiter.
Das war inzwischen die Grundstruktur vieler Begegnungen.
Ein Mensch tauchte auf. Man redete. Manchmal bekam Sascha etwas zu trinken oder zu essen. Dann verschwand der Mensch wieder am Horizont.
Zurück blieben Sascha und die Straße. Und der Anhänger. Natürlich der Anhänger.
Es passiert nicht viel
Am 10. November schrieb Sascha sinngemäß etwas, das wahrscheinlich ehrlicher über eine lange Wüstenwanderung erzählt als jeder Abenteuerbericht:
Es passiert nicht viel.
Das klingt zunächst enttäuschend. Ist es aber nicht. Es ist vielmehr der Punkt, an dem die Reise ihre eigentliche Härte zeigt.
Ein Unfall ist dramatisch. Ein Sandsturm ist dramatisch. Ein medizinischer Notfall ist dramatisch.
Aber jeden Morgen aufzustehen und wieder stundenlang dieselbe Straße entlangzulaufen, während die Landschaft gestern aussah wie heute und morgen vermutlich genauso aussehen wird, hat eine andere Art von Härte. Eine, die sich nicht besonders gut fotografieren lässt.
Aufstehen.
Packen.
Laufen.
Pause.
Laufen.
Wasser.
Laufen.
Irgendwann einen Schlafplatz suchen.
Hinlegen.
Am nächsten Morgen wieder.
Auch hier zog Sascha schnell wieder die Parallele zum Frauenhaus und zog schnell den Schluss, dass ein schwer erlebtes Trauma nicht in ein paar Tagen behoben werden kann. Das sich der Alltag dieser Frauen wohl noch schwerer Anfühlen
muss, wie diese Wanderung.
Wir hatten mit dem Namen noMERCYtrek nicht nur den Nagel auf den Kopf getroffen, sondern symbolisch genau das richtige Medium gefunden haben, um auf das Schicksal dieser jungen Mädchen aufmerksam zu machen.
Der Wind machte das Zelten schwieriger. Sascha suchte Schutz hinter Gebäuden oder an Tankstellen. Manchmal baute er das Zelt gar nicht mehr auf und legte sich nur mit einer Decke hin. Einen Hering bekam man sowieso nicht in den Boden, denn dieser war entweder sandig, oder Steinhart.
Komfort war inzwischen kein Begriff mehr, mit dem sich viel anfangen ließ. Entscheidend war, ob ein Platz windgeschützt war. Wind. Eine Urgewalt die hier ständig wehte, nervig, kalt, oder sandig.
Wind machte alles schwer. Das kochen Abends mit der Gasflamme wurde auch immer mehr zur Aufgabe, denn der Wind machte es nicht einfacher.
Trocken wäre schön. Sicher auch. Alles andere Bonus.
Noch ungefähr 800 Kilometer. Die Zahl wurde kleiner. Langsam.
Sehr langsam.
Einsamkeit
In einem späteren Rückblick beschrieb Sascha diese Wochen wesentlich härter, als es manche seiner täglichen Facebook-Beiträge vermuten ließen. Wochenlang dieselbe eintönige Landschaft. Altes Brot. Teilweise nur eine Packung Nudelsuppe am Tag. Kaum soziale Kontakte. Dazu die Straße und ständig das Risiko, von einem Auto oder Lkw erfasst zu werden. Das ist die Seite einer solchen Reise, die auf Bildern schwer zu vermitteln ist. Ein Foto zeigt eine beeindruckende Wüste. Es zeigt nicht die sechste Stunde desselben Tages. Nicht den Moment, in dem die Füße schon seit dem Morgen schmerzen und man weiß, dass noch zwanzig Kilometer fehlen. Nicht die Gedanken, die anfangen, sich im Kreis zu drehen, weil seit Stunden niemand da ist, mit dem man sprechen könnte. Und auch nicht diese merkwürdige Verschiebung der Wahrnehmung, bei der ein entgegenkommendes Fahrzeug plötzlich ein Ereignis ist, ein Café mitten im Nirgendwo beinahe gesellschaftliches Leben bedeutet und eine kalte Flasche Saft einen Stellenwert bekommt, den sie zu Hause nie erreichen würde. Die Sahara war schön. Natürlich war sie das. Aber Schönheit hilft nur begrenzt, wenn man erschöpft ist.
Dakhla
Mitte November war der Körper müde. Nicht mehr diese Müdigkeit nach einem langen Wandertag, die nach Schlaf wieder verschwindet. Eine tiefere in der Seele verankerte Müdigkeit. Die Psyche wurde hier ein entscheidender Faktor. Körperlich hatte Sascha bis hier hin schon aussergewöhnliches geleistet. Körperlich würde er die Strecke sicherlich auch zu Ende laufen. Doch der Geist ist hier der Gegenspieler…
Die Füße erholten sich nachts nicht mehr richtig. Morgens waren die Schmerzen bereits da, bevor Sascha überhaupt losgelaufen war.
Schuhe anziehen. Aufstehen. Die ersten Schritte.
Und dann hoffen, dass der Körper irgendwann warm wird und die Beschwerden wenigstens in den Hintergrund treten.
Lebensmittel mussten genauer eingeteilt werden. Die Abstände zwischen Tankstellen und Orten wurden größer. Dakhla lag hinter ihm.
Vor ihm wieder Sand. Straße. Nichts. Und irgendwo darin ein Café.
Sascha nannte es ziemlich passend ein Café im Nirgendwo.
Dort begegnete er Rashid, der ihn aufnahm. Rund 1.600 Kilometer waren inzwischen geschafft. Wenn man eine normale Wanderung von 1.600 Kilometern beendet, kann man vermutlich zufrieden sein. Aber wer spricht hier an dieser Stelle noch von Normal?
Sascha hatte noch mehrere hundert Kilometer vor sich. Einfach nicht darüber nachdenken. Der Flug ist gebucht, der Termin steht. Noch passt es irgendwie…
Die letzten Tage in Marokko
Je näher die mauretanische Grenze kam, desto deutlicher wurde Sascha, wie sehr ihn die Hilfe anderer Menschen bis hierher getragen hatte.
Nicht im wörtlichen Sinn. Meistens jedenfalls nicht. Aber Wasserflaschen, Brot, Tee, Essen, ein Schlafplatz, eine kurze Unterhaltung – all diese Dinge hatten sich über die Wochen summiert. Gerade dort, wo wenig vorhanden war, wurde geteilt. Das blieb hängen.
An einem Abend suchte Sascha bei Sonnenuntergang wieder einen Schlafplatz. Er fand eine windgeschützte Ecke an einer Ruine.
Zelt raus. Aufbauen. Hinlegen.
Am nächsten Morgen sollte Marokko hinter ihm liegen. Die Grenze zu Mauretanien war nah. Fast zwei Monate zuvor waren Michael und Sascha gemeinsam aus Marrakesch aufgebrochen.
Nun stand Sascha allein kurz vor dem zweiten Land dieser Reise. Michael war längst zurück in Deutschland. Und Nouakchott war plötzlich keine abstrakte Stadt mehr am unteren Ende einer Landkarte. Es wurde ein Ziel, das tatsächlich erreichbar schien.
Noch nicht nah.Aber erreichbar.
Mauretanien
Die Grenze war geschafft.
Mauretanien. Unfassbar. Aber ein wichtiger Meilenstein.
Mehr als 300 Kilometer lagen trotzdem noch vor Sascha. Inzwischen zählte er nicht mehr, wie viele Tage er unterwegs war. Er zählte, wie viele noch übrig waren.
Acht. Eine kleine Zahl, die dennoch ein wenig Druck machten.
In 8 Tagen geht der Flug. In 8 Tagen musste er noch 300km zurücklegen. Es darf nichts mehr passieren. Jetzt muss alles klappen.
Wieder Sanddünen. Wieder Straße.
Er begegnete dem berühmten mauretanischen Eisenerzzug, dem Iron Train, der sich kilometerlang durch die Wüste zieht. Unter anderen Umständen wäre das vielleicht ein Anlass gewesen, länger zu bleiben. Unter diesen Umständen war es vor allem interessant anzusehen.
Sascha hatte einen Termin. Nouakchott.Wenn er rechtzeitig ankommen wollte, musste er nun Tagesetappen schaffen, die selbst mit frischen Beinen unangenehm gewesen wären.
Um die fünfzig Kilometer. Jeden Tag. Nach mehr als 1.800 Kilometern. Die Füße fanden die Idee vermutlich hervorragend.
Der Anhänger stirbt
Fünf Tage vor dem Ziel passierte etwas, das man nach fast zwei Monaten eigentlich nur noch mit einem gewissen Fatalismus zur Kenntnis nehmen kann.
Der Anhänger war kaputt. Endgültig. Ausgerechnet jetzt.
Wochenlang hatte dieses Ding Zelt, Wasser, Kleidung und den Rest seines mobilen Haushalts durch Berge, Steppe und Wüste getragen, war repariert, geschraubt und irgendwie am Leben gehalten worden.
Nun war Schluss. Sascha musste umpacken. Das Wichtigste kam in den Rucksack. Damit änderte sich die Belastung sofort. Das Gewicht, das bisher hinter ihm gerollt war, saß nun auf Rücken und Schultern. Der Körper war zu diesem Zeitpunkt ohnehin längst in einem Zustand, in dem er über zusätzliche Herausforderungen wahrscheinlich keine schriftliche Einladung mehr gebraucht hätte.
Rücken. Füße. Beine. Alles müde.
Und trotzdem war Aufhören jetzt fast absurder als Weitergehen.
Noch fünf Tage. Also Rucksack auf. Weiter.
Hochachtung -vor dieser Willenskraft!
Die letzten 70 Kilometer
Zwei Tage vor dem Ziel waren noch ungefähr siebzig Kilometer übrig.
Mit dem Rucksack musste Sascha häufiger Pausen machen.
Absetzen. Strecken. Hinlegen. Wieder hoch. Rucksack auf. Weiter.
Die Vororte von Nouakchott rückten näher. Eigentlich hätte er die Stadt früher erreichen können. Das Finale sollte jedoch bewusst stattfinden, nicht irgendwann erschöpft am falschen Tag zwischen Verkehr und Häusern. Also plante er die letzten Kilometer.
Der Atlantik war wieder da. Menschen gaben ihm Tee, Wasser, Brot und Datteln. Kleine Dinge. Nach fast sechzig Tagen waren es keine kleinen Dinge mehr. Und dann kam die letzte Nacht.
Eine letzte Nacht, in der am nächsten Morgen wieder Schuhe angezogen werden mussten.
Aber diesmal nur noch einmal.
Tag 60 – Nouakchott
- November 2025. Sascha erreichte Nouakchott.
60 Tage nach dem Aufbruch. 2.154 Kilometer. Nicht die ursprünglich geplanten 2.250.
Aber genug. Mehr als genug.
Das Atlasgebirge lag hinter ihm, die Atlantikküste, die Westsahara, Marokko, die Grenze, Mauretanien. Tausende Kilometer Straße.
Nächte im Zelt. Nächte an Tankstellen. Ruinen. Baustellen.
Hotelzimmer, die Fremde angeboten hatten.
Altes Brot. Nudelsuppe. Wasserflaschen von Autofahrern.
Ein schmerzender Fuß. Ein kaputter Anhänger.
Wind. Sand.
Und sehr viel Zeit allein.
Am Ziel hielt Sascha die Fahne seiner Heimatstadt in den Händen.
Der Rucksack stand bei ihm. Menschen empfingen ihn.
Es gab Essen. Und irgendwann vermutlich den Moment, in dem der Körper verstand, dass jetzt wirklich Schluss war. Kein Wecker für die nächste Etappe. Kein Zusammenpacken bei Sonnenaufgang. Keine Frage, wo heute Wasser zu bekommen sein würde. Kein Blick auf die Karte und die Rechnung, wie viele Kilometer bis zum Abend noch fehlen.
Einfach sitzen.
Vielleicht ist genau das nach einer solchen Reise schwieriger, als man denkt. Zwei Monate lang war die Antwort auf fast jedes Problem dieselbe gewesen: weitergehen.
Hunger? Weitergehen.
Schlechter Schlaf? Weitergehen.
Fuß tut weh? Weitergehen.
Wind? Weitergehen.
Keine Lust? Interessiert niemanden. Weitergehen.
Und plötzlich musste er das nicht mehr.
Danach
Ein paar Tage später schrieb Sascha über die Frage, was von dieser Reise bleiben würde.
Er wusste es noch nicht. Das ist wahrscheinlich eine vernünftigere Antwort als irgendeine fertige Lebensweisheit. Man muss nicht nach 2.154 Kilometern aus der Sahara kommen und sofort verstanden haben, was das alles „mit einem gemacht hat“. Vielleicht versteht man manches erst Monate später.
Vielleicht manches nie.
Zurück in Deutschland brauchte Sascha jedenfalls erst einmal Abstand. In einem späteren Rückblick sprach er davon, dass Körper und Seele von der Reise gezeichnet gewesen seien. Zwei Monate lang trieb er keinen Sport. Das sagt einiges. Vor allem bei jemandem, der freiwillig auf die Idee gekommen war, durch die Sahara zu laufen. Die täglichen Facebook-Berichte hatten während der Reise häufig noch diesen typischen Sascha-Ton: pragmatisch, manchmal trocken, nicht besonders wehleidig. Ein Fuß tut weh, also humpelt man eben. Der Schlafplatz ist eine Tankstelle, dann ist es heute eine Tankstelle. Der Anhänger ist kaputt, dann kommt das Zeug in den Rucksack. Im Rückblick klang es anders.
Wochenlang dieselbe Landschaft. Altes Brot. Eine Packung Nudelsuppe. Kaum soziale Kontakte. Die permanente Gefahr des Straßenverkehrs. Einsamkeit. Erschöpfung. Das alles war während der Reise da gewesen, auch wenn es nicht jeden Abend ausführlich in einem Facebook-Posting stand.
Vielleicht muss man manches auch erst hinter sich haben, bevor man zugibt, wie hart es wirklich war.
Und Michael?
Michaels Reise endete nach wenigen Tagen. Der No Mercy Trek nicht. Das ist ein Unterschied. Er war nicht plötzlich aus der Geschichte verschwunden, nur weil er nicht mehr neben Sascha lief. Die Idee für diese Wanderung war eng mit seinen Erfahrungen in Liberia verbunden gewesen. Mit den Mädchen und Frauen, die er dort kennengelernt hatte, mit Teamwork Africa und mit dem Wunsch, das Mercy House aufzubauen. Dass sein eigener Weg bereits im Atlasgebirge endete, dürfte deshalb besonders bitter gewesen sein. Es ist leicht, einen Abbruch im Nachhinein vernünftig zu erklären.
Brustschmerzen. Tauber Arm. Atemprobleme.mRuhepuls 135.
Natürlich fährt man ins Krankenhaus. Natürlich fliegt man nach Hause und lässt das untersuchen. Jeder andere Entschluss wäre kaum verantwortbar gewesen. Nur macht Vernunft eine Enttäuschung nicht kleiner. Mehr als ein Jahr Vorbereitung verschwindet nicht dadurch, dass ein Arzt sagt, die Entscheidung sei richtig.
Während Sascha weiter Richtung Süden ging, musste Michael zurück in ein normales Leben, auf das er sich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht vorbereitet hatte. Das dürfte seine ganz eigene Form von Einsamkeit gewesen sein. Der eine allein in der Wüste. Der andere zu Hause, während die Reise, die eigentlich auch seine sein sollte, jeden Tag ein Stück weiterging.
Was von 2.154 Kilometern übrig bleibt
Wenn man die Reise nur in Zahlen erzählt, klingt sie beinahe übersichtlich.
60 Tage.
2.154 Kilometer.
Marrakesch.
Atlasgebirge.
Atlantik.
Sahara.
Nouakchott.
Nur sagen Zahlen wenig darüber, wie lang ein Tag werden kann, wenn man seit sechs Stunden läuft und noch zwanzig Kilometer vor sich hat.
Sie erzählen nichts darüber, wie sich ein schmerzender Fuß morgens im Schuh anfühlt. Wie langweilig eine spektakuläre Wüste nach genügend Tagen werden kann. Oder wie gut ein kalter Apfelsaft schmeckt, wenn plötzlich jemand mit einem Mercedes anhält und einen dabei hat.
Sie erzählen auch nichts von dem kleinen Jungen, der beim Zeltaufbau half.
Von Adil.
Von Rashid.
Von Soldaten, die einen Schlafplatz suchten.
Von Autofahrern, die Wasser aus dem Fenster reichten.
Von Menschen, deren Namen Sascha vermutlich nie erfahren hat und die trotzdem Teil dieser Reise wurden.
Gerade die Sahara, dieser riesige leere Raum, war am Ende erstaunlich voll mit solchen kleinen Begegnungen.
Vielleicht war das einer der Widersprüche dieser Reise. Sascha war über weite Strecken allein. Und gleichzeitig wäre vieles ohne andere Menschen kaum möglich gewesen. Der No Mercy Trek war deshalb am Ende auch keine klassische Heldengeschichte von einem Mann, der allein die Wüste bezwingt. Die Wüste wurde nicht bezwungen. Sie war danach immer noch da. Sascha war nur einmal durchgelaufen. Sehr weit. Sehr lange. Und am Ende ziemlich kaputt. Das reicht eigentlich als Leistung.
Man muss nicht mehr daraus machen.
Nur eines – Ihr habt eine Geschichte mit erleben dürfen. Eine Geschichte die wir von uns erzählen wollten, um auf die Geschichte von den vielen jungen Mädchen aufmerksam zu machen.
Und um euch zu motivieren diesen jungen Mädchen mit einer Spende zu unterstützen.
Epilog
Irgendwann nach einer solchen Reise steht man wieder in einem deutschen Supermarkt.
Wasser in mehreren Sorten. Brot frisch. Essen überall. Draußen fährt ein Bus.Zu Hause wartet ein Bett.
Und wahrscheinlich braucht es eine Weile, bis der Kopf verstanden hat, dass man nicht mehr überlegen muss, wie weit die nächste Tankstelle entfernt ist.
Die Sahara wird dann langsam Erinnerung. Der Wind. Die langen Straßen. Das Geräusch der Lastwagen. Der Atlantik. Die Nächte.
Und diese eigenartige Stille, die irgendwann nicht mehr friedlich ist, sondern einfach nur still.
Michael und Sascha waren in Marrakesch gemeinsam aufgebrochen.
Nach wenigen Tagen trennten sich ihre Wege auf eine Weise, die keiner geplant hatte.
Michael musste lernen, dass Wille allein nicht darüber entscheidet, was ein Körper mitmacht.
Sascha musste lernen, was es bedeutet, weiterzugehen, wenn der Mensch, mit dem man diese ganze verrückte Idee ausgeheckt hat, plötzlich nicht mehr neben einem läuft.
Danach kamen noch Berge, Schmerzen, Sand, falsche Straßen, ein kaputter Anhänger und Wochen, in denen manchmal tatsächlich nicht viel passierte.
Außer eben:
laufen. Und wieder laufen. Und am nächsten Morgen noch einmal.
Bis irgendwann keine Straße mehr übrig war, die für diesen Trek gegangen werden musste.
Nouakchott.
2.154 Kilometer.
60 Tage.
Genug.
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